18.8.2022

"Ich bin halt nur Azubi"

Übersicht:

Schulische Voraussetzung:           abgeschlossenerHauptschulabschluss
Ausbildungsdauer:                           3 Jahre
Ausbildungssystem:                        dual
Vergütung (Brutto):                          heute             2015 wurde es gerade angehoben auf

1.     Lehrjahr                                      597€                                   450€

2.     Lehrjahr                                     694€                                   550€

3.     Lehrjahr                                     812€                                    650€

Arbeitszeiten (in meiner Ausbildung)

                                                           Dienstag -Freitag: 6-16 Uhr

                                                           Samstags: 4-13 Uhr

                                                           Sonntags: 6-13 Uhr

Artverwandte Ausbildungsberufe:

                                                           BäckerIn (ja das ist ein anderer Beruf)                                                            KonditoreifachverkäuferIn      BäckereifachverkäuferIn

Ausbildungsinhalte (gekürzt):

Umsetzen von Hygienevorschriften, Lagern und Kontrollierenvon Lebensmitteln und Verpackungsmaterialien

Herstellung von

Feinen Backwaren aus Teigen, Füllungen und Cremes, Salz-,Käse- und Partygebäck, Spezial- und Dauergebäck, Marzipan-, Schokoladen- undNougaterzeugnissen, Süßspeisen, Speiseeis, kleine Gerichte

Überziehen von Konditoreierzeugnissen

Gestalten von Torten und Konditoreierzeugnissen

Entwerfen und Herstellen von Zuckererzeugnissen

Prüfungen:

Zwischenprüfung:

                                                        Nach 1,5 Jahren legte ich eine praktische und                                                         theoretische Zwischenprüfung ab. Diese Prüfung ist                                                         nicht versetzungsrelevant.

Abschlussprüfung:

                                                        Nach 3 Jahren stand die Abschlussprüfung bevor. Das                                                          Oberthema ist meist im ganzen Land gleich und war                                                          in meinem Jahr „Frankreich“.                                                          Dies hat meine Begeisterung für die französische                                                          Patisserie nur bestärkt. Ich suchte mir das                                                          Unterthema „Marie Antoinette – Wenn sie                                                          kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.“

 Möglichkeiten nach der Ausbildung:

Spezialisierung in einem Bereich:

  • Pralinenherstellung
  • Eismanufaktur
  • vegane Patisserie
  • Herstellung von Sondertorten, Motivtorten
  • ...

Arbeiten als Patissier

  • im Restaurant
  • Hotel

Weiterbildung

  • es gibt unzählige Weiterbildungen von verschiedenen Anbietenden in vielen Bereichen (Motivtorten, Pralinen, Schaustücke, französische Patisserie...)
  • Schokoladensommeliere
  • MeisterInbrief
  • BerufsschullehrerIn
  • BetriebswirtIn

Genau vor sieben Jahren, am 18.August 2015, startete ich meine Ausbildung zur Konditorin in Marburg. Das nehme ich als Anlass, Euch mehr über die Ausbildungsbedingungen und meine Erfahrungen zu berichten. Ich möchte junge Menschen ermutigen, den Weg in die Ausbildung einzuschlagen, sich aber ebenso gegen veraltete Strukturen und Arbeitsweisen aufzulehnen. Nehmt Euch die Zeit einen geeigneten Ausbildungsbetrieb zu finden. Als Kundschaft könnt Ihr Konditoreien unterstützen, die umfangreich und ehrlich ausbilden.

Ich blicke auf eine sehr umfangreiche Ausbildung in einer reinen Konditorei zurück. Ich lernte nahezu alle Bereiche der Konditorei kennen. Es wurden unterschiedlichste Massen, Cremes, Füllungen, Mousses hergestellt. Ob Torten, Tartes oder Törtchen: das Sortiment war traditionell, aber groß, abwechslungsreich und handwerklich vielseitig. Ich lernte die Herstellung von Speiseeis, Pralinen und Hochzeitstorten. Meine Begeisterung für das Handwerk, experimentelle Geschmackskombinationen und Herkunft der Rohstoffe wuchs stetig. Ich versuchte alles mitzunehmen, was mich interessierte und durfte, meinem Lernstand angemessen, eigenständig arbeiten. Zum Start meiner Ausbildung habe ich nicht erahnen können, was ich alles lernen werde. Anfangs war ich noch sehr begeistert von Motivtorten. Ich merkte aber schnell, was Konditorei noch alles zu bieten hat. Meine hervorragende Ausbildung verdanke ich auch dem Zeitpunkt, zu dem ich in den Betrieb kam. Ich hatte die Chance traditionelle Konditoreierzeugnisse und deren Herstellung kennenzulernen. Gleichzeitig wurden moderne Produkte mit neuen Techniken ins Sortiment aufgenommen, Seminare gegeben und Messen besucht. Dass ich als Beobachterin mit nach Belgien zu einem Schokoladenshooting durfte, war für mich ein Highlight.

Nach wie vor liebe ich die Arbeit als Konditorin, trotzdem war die Ausbildungszeit mehr als fordernd. Die körperliche und seelische Belastung durch ständiges Stehen, Gehen, Heben, frühes Aufstehen, während die Freunde feiern gehen, war groß.  EineFreundin sagte mir mal: „Du bist immer müde.“

Das mag ein simpler Satz sein, aber es zeigte mir, dass sie sich nicht vorstellen konnte, was die Ausbildung körperlich bedeutet. Auch wenn ich gerne früh aufstehe, es ist belastend um 4 oder 6 Uhr anzufangen zu arbeiten. Auch wenn ich einen 25 kg Sack heben kann, mein Rücken freut sich trotzdem,wenn ich einen Wagen nehmen darf. Im ersten Jahr meiner Ausbildung bekam ich teilweise Dienstags meinen Arbeitsplan für die gleiche Woche. Eine Planung für private Aktivitäten oder Termine? undenkbar. 20 Tage Urlaub bei einer hohen körperlichen Belastung sind einfach zu wenig.             Torten oder Törtchen zu dekorieren, das macht nur einen sehr kleinen Anteil der Arbeitszeit aus. Sexismus, Rassismus undveraltete Denkweisen standen auch in meiner Ausbildung an der Tageordnung. Auch aus Reihen der Innung und der Schule bekam man unglaubliche Sätze zu hören.

"Frauen kommen mir nicht in die Backstube", ist nur ein Beispiel.

Obwohl mittlerweile der Großteil der Auszubildenden Frauen sind, sind Gesellen, Meister, Prüfer, Lehrer Großteils Männer: alte, weiße Männer.                                              

Trotzdem ist der Beruf der Konditorin, des Konditors es ein wundervoller, vielseitiger und spannender Beruf. Allerdings musssich im Bereich der Ausbildung einiges ändern:

Den Satz „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ finde ich in vielerlei Hinsicht fraglich.

Besonders während des ersten Ausbildungsjahres bekam ich in der Berufsschule viele Geschichten von MitschülerInnen aus ihren Betrieben mit. Sexismus, Rassismus, körperliche und seelische Gewalt scheint an derTagesordnung zu stehen.

„Ich bin halt nur Azubi!“

„Du bist trotzdem ein Mensch.“

Ich hörte irgendwann auf zu zählen, wie oft ich diesen Satz sagte: „Du bist trotzdem ein Mensch.“

Ich bekam also immer mehr mit, wie andere Auszubildende behandelt wurden. Bis ich letztes Jahr meinen Job kündigte und mich entschloss, mich selbständig zu machen, wiederholten sich die Geschichten von allen Seiten. Betriebe stützen ihre Existenz auf Auszubildende, lassen sie unbezahlte Überstunden machen, gehen nicht auf Ausbildungsinhalte ein. Auszubildende arbeiten mit Fertigprodukten, lernen den angemessenen Umgang mit Rohstoffen nicht und werden körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt. Viele wurden bei ihren Prüfungen weder fachlich, seelisch, noch finanziell von ihren Betrieben unterstützt. Konditorinnen, die in großen Bäckereien lernten, merkten erst in der Berufsschule, was sie in anderen Betrieben alles lernen könnten. In solchen Betrieben gibt es zwar eine Konditoreiabteilung, aber die Arbeit ist eine Massenabfertigung.

Ich bin mir sicher, dass bei einem Preis von 2,80 € für einStück Erdbeerschnitte weder frische Rohstoffe verwendet werden, noch dass dieAusbildungsinhalte sehr vielfältig sind.

Das Konditoreihandwerk ist ein Beruf mit MeisterIn-Pflicht. Das bedeutet, dass auch nur MeisterInnen ausbilden dürfen. Es gibt aber keine gesetzliche Regelung für einen Ausbildungsschlüssel. Ein Meister kann zum Beispiel 3 Gesellen angestellt haben und 8 Auszubildende. Die Gesellen haben gegebenenfalls keinen Ausbildereignungsschein und bilden in der Praxis trotzdem aus. In vielen Betrieben bilden sich die Auszubildenden gegenseitig aus, was bis zu einem gewissen Grad auch okay ist. Trotzdem sollte die Anzahl vonAuszubildenden an MeisterInnen oder mindestens GesellInnen mit Ausbildereignungsschein angepasst werden.

Nur so kann eine individuelle Ausbildung, angepasst an schulische Erfahrungen, Alter und Lernstand, ermöglicht werden. In derBerufsschule hatte ich, 21 Jahre alt, eine Mitschülerin, die gerade ihren Hauptschulabschluss absolviert hat. Eine weitere Mitschülerin war 39. Eine 14-jährige, eine 21-Jährige und eine 39-Jährige, das hier die Prioritäten im Alltag, der Bildungsstand, die Motivation am Morgen oder die körperliche Leistung sehr unterschiedlich sind, ist wohl klar. Hierauf muss bewusst eingegangen werden.

Die Anzahl der Auszubildenden im Konditroreihandwerk gehen stetig zurück. Die Ausbildungsbedingungen, die Ausbildungsvergütung und die Umgehensweise mit Auszubildenden und Mitarbeitenden müssen sich ändern. Auch die Aussicht auf einen geregelten, angemessen bezahlten Arbeitsplatz, mit ausreichend Uhrlaub, nach der Ausbildung, könnte mehr SchülerInnen motivieren, diesen wundervollen Beruf zu wählen.

Deshalb könnt Ihr als VerbraucherInnen Betriebe unterstützen, die fair und ehrlich ausbilden. Kauft Eure Kuchen und Torten in reinen Konditoreien oder Patisserien, um den Beruf zu erhalten. Hinterfragt die Produkte im Verkaufsgespräch. So könnt ihr herausfinden, ob Fertigprodukte verwendet wurden und hinterfragt für Euch selbst einmal die Preise. Wer leidet darunter, dass ich ein Stück Kuchen für einen sehr geringen Preis kaufe ? Die Auszubildenden? Die Mitarbeitenden ? Die Umwelt? Ist es mir das wert?

Mir liegt es sehr am Herzen, dass der Beruf der Konditorin,des Konditors weiter gelehrt wird. Ob handwerkliche Präzession, Kreativität, Kundenberatung, Rohstoffkunde oder Geduld, es ist ein vielseitiger und abwechslungsreicher Beruf. Deshalb ist es meine Mission auch in der MEA Patisserie ausbilden zu können. Hierfür muss erst die Existenz für die nächsten 3 Jahre gesichert sein, damitich eine Vollendung der Ausbildung für künftige Auszubildende garantieren kann.

Ich hoffe, dass die Anerkennung einer Ausbildung auch in AkademikerInnen-Kreisen steigt. Auch Gymansien sollten die Optionen der Ausbildungen aufzeigen.

Ich freue mich sehr über Eure Unterstützung und bin jetzt schon soo gespannt auf meine erste Auszubildende oder den ersten Auszubildenden.